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Übersetzungen und künstliche Intelligenz

Es vergeht keine Woche, in der in den Medien nicht die einschneidende Ablösung des arbeitenden Menschen durch die Maschine beziehungsweise durch die künstliche Intelligenz behandelt wird. Die Diskussion breitet sich dabei zunehmend auch auf komplexe Berufstätigkeiten aus. So geht es mitunter um ärztliche Diagnosen in der Gesundheitsbranche, um Gerichtsurteile in der Rechtsprechung oder um Finanzberatung im Banking. Damit will ich nicht verkennen, dass künstliche Intelligenz heute beispielsweise erfolgreich in der gezielten Diagnose oder Erkennung von gewissen Krankheiten eingesetzt wird und den Arzt effizient unterstützen kann. Aber darin den selbständig denkenden Roboter sehen zu wollen, der gleich einem Menschen Annahmen und Schlussfolgerungen ganzheitlich ziehen und daraus auch noch hinzulernen kann, erscheint mir derzeit doch etwas verwegen.

Auch der Beruf des Übersetzers ist in letzter Zeit in der Diskussion um künstliche Intelligenz zunehmend in den Mittelpunkt geraten. Unter dem breit gefassten Titel «Der Computer übernimmt» erfolgten neulich mehrere Beiträge, in denen der Triumph der Maschine über die menschliche Übersetzergemeinde heraufbeschwört wird. In diesem Zusammenhang war oft von DeepL, eine auf künstliche Intelligenz basierende Übersetzungstechnologie, die Rede.

Nach Analyse von durchgeführten eigenen Tests sowie in Anlehnung an die Erfahrung zahlreicher Übersetzungsprofis gelange ich derzeit (Mai 2019) zum nachfolgenden Fazit. Unter den maschinellen Übersetzungssystemen dürfte DeepL Pro mittlerweile in der Regel deutlich bessere Ergebnisse als Konkurrenten wie beispielsweise Google Translate liefern. Auf den ersten Blick wirken die unmittelbar übersetzten Texte recht gut. Beim näheren Hinschauen sind umständliche Formulierungen oder Übersetzungsfehler jedoch keine Ausnahme. Auch erkennt die künstliche Intelligenz nicht immer den richtigen Kontext. Zudem kann es kulturell bedingte Abwägungen im Übersetzen nicht vollziehen und schon gar nicht typisch menschliche Leistungen wie Emotionen, soziale Intelligenz, Sinneseindrücke und mehr in die Wortwahl einbinden. Das Tool ist keinesfalls schlecht. Tatsache bleibt aber, dass man beim heutigen Stand der Dinge für kreative Texte oder für technische und anspruchsvolle Übersetzungen an qualifizierten und professionellen Übersetzerinnen und Übersetzer mit Haut und Haaren nicht vorbeikommt.

Bezeichnend zu diesem Thema ist der Aufruf eines bekannten Schweizer Onlineshops, der zwar neben seinen menschlichen Übersetzern eben auch die Maschine einsetzt aber gleichzeitig auf seiner Homepage seine Kunden bittet, Übersetzungsfehler von DeepL zu melden. Die Frage ist letztlich was SIE Ihren Lesern, seien dies Kunden, Mitarbeitende, Geschäfts- oder andere Ansprechpartner, zumuten wollen oder dürfen.

©2021  2018 Elisabetta Pozzi - Mitglied Schweiz. Übersetzer-, Terminologen- und Dolmetscher-Verband ASTTI Lat46 Digital marketing Lugano

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